Als wir unser Projekt "Lieber-Weniger" (ein Angebot für nicht abhängige Trinker zum kontrollierten Alkoholkonsum: www.lieber-weniger.de) vor einigen Jahren begannen, suchten wir auch nach originellen Bildern zum Alkoholkonsum, mit denen wir unser Angebot dekorieren konnten. Dabei stießen wir auf eine unübersehbare Menge von Ansichtskarten, die in einer teilweise drastischen Manier herrlich einprägsame Bilder über das Trinken und seine Auswirkungen lieferten.
Natürlich hatten die Produzenten dieser Karten nicht im Traum daran gedacht, einmal als Stichwort-, oder besser gesagt "Bildgeber" für die Suchtprävention zu dienen. Doch ob auf den frühen Postkarten um die Wende zum 20. Jahrhundert oder auf den Ansichten der Motivkarten heutzutage, immer wurde auch die bedrohliche Seite des Alkohols gezeigt. Und diese diente und dient den Traditionalisten der Suchtprävention als permanente Abschreckung vor den Gefahren des Alkoholmissbrauchs. Allerdings mit wenig Erfolg und das gilt auch für andere Rauschmittel; Menschen mit Schockmethoden daran zu hindern etwas zu tun, hat selten funktioniert.
Dass der Alkohol die Wahrnehmung .der Konsumenten verändert, ist eine Binsenweisheit. Genau deshalb wird er ja getrunken. Aber erst die bedrohlichen Folgen des Missbrauchs wie gestörte Wahrnehmung, Gleichgewichts- und Sprachstörungen, Aggressivität, Realitätsverlust, physische Erkrankungen und schließlich Sucht, machen deutlich, wie gefährlich der unkontrollierte Umgang mit Alkohol ist. Diese Folgen finden wir - in teilweise recht drastischen Bildern - auf den Alkohol- bzw. Bierpostkarten wieder.
Kurzum, eine einprägsamere Demonstration individueller und gesellschaftlicher Trinkgewohnheiten hätten wir uns nicht wünschen können. Und wo der erhobene Zeigefinger mancher Pädagogen ergebnislos vor den Folgen des Suffs und den Qualen der Sucht warnt, da leisten zahllose Postkarten das Gleiche mit mehr Witz und Originalität. Der unvoreingenommene Betrachter müsste sich eigentlich beim Anblick dieser Bilder fragen, warum man so ein solches Teufelszeug trinken soll, das Menschen unfreiwillig einen derartigen Kontrollverlust beschert. Aber da (fast) jeder Betrachter weiß, welche angenehmen und erwünschten Seiten der Alkohol hat, funktioniert keine Abschreckung, sei sie noch so glaubhaft, dramatisch oder komisch.
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Alkohol-Postkarten - König Alkohol durch die komische Brille betrachtet
Das für uns Wesentliche dieser Bilder liegt in ihrer ungewollten, doppeldeutigen Komik. Bei aller verständnisvollen Ironie über die drastischen Auswirkungen des Alkoholkonsums ist die Dramatik, die für den Einzelnen und seine Umwelt aus dem Suff und der Sucht erwächst, immer mit im Bild. Dass es sich hierbei womöglich um eine - wenn auch versteckte - Warnung handelt, muss jeder Betrachter selbst für sich entscheiden. Die Motive der Karten treffen unzweifelhaft den Nagel, sprich den Suff und seine Folgen auf den Kopf.
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Ob damit der Alkoholismus, also der krankhafte Umgang mit Alkohol gemeint ist, oder nur ein temporärer Ausrutscher bleibt bei den meisten Karten offen. Ohnehin ist dies ein Prinzip der postkartlichen Darstellung, Adressat wie Absender können sie so oder so verstehen. Hier manifestiert sich die grundsätzliche Schwierigkeit, wie man einen bedingten Alkoholmissbrauch gegen dauerhaftes Suchtverhalten eigentlich abgrenzen soll. Als Suchtberater werden wir immer wieder mit Äußerungen konfrontiert wie diesen: "Woher soll ich denn wissen, ob jemand ein Alkoholproblem hat; vielleicht hört der ja schon morgen wieder auf zu trinken, oder übermorgen...? Und dann steh ich da und bin der Dumme, weil ich einen Menschen diffamiert habe?" Dieser Konflikt spiegelt sich auch in den Motiven der Postkarten wider. Was vermittelt sich z. B. dem Betrachter oder der Betrachterin mit der Abbildung links? |
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Wer schlecht gelaunt ist, der trinkt Bier, das beruhigt die Nerven und schon wird die Stimmung besser. Mit dieser "alkoholischen Psychologie" warb in den 50er Jahren die deutsche Brauer-Gemeinschaft ganz direkt für den Absatz ihrer Produkte, wie diese Karte zeigt:
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Das spricht für einen Gewohnheitstrinker, der seine Aufgaben nicht mehr nüchtern bewältigen kann und dem es inzwischen auch gleichgültig ist, was seine Mitarbeiter über ihn und seinen Alkoholkonsum denken. Es ist nahe liegend, dass seine schlechte Laune ein Zeichen für eine Entzugssymptomatik ist, die erst durch die erneute Zufuhr von Alkohol verschwindet. Dies alles sind erkennbare Hinweise für eine schwere Alkoholproblematik. Auch diese Karte lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: |
Die Maßlosigkeit (im doppelten Sinne) mit der dieser Konsumenten trinkt, spricht für einen gravierenden Kontrollverlust und sein Bauch besiegelt nachhaltigen und dauerhaften Biergenuss. Für einen bewussten und kontrollierten Umgang mit Alkohol spricht dieses Bild jedenfalls nicht. Gleichwohl kann man beiden Karten auch keine abschreckende Intention unterstellen. Figuren wie Umständen wirken dermaßen überzeichnet, dass ein konkreter Realitätsbezug absurd erscheint.
"Personen und Handlung sind frei erfunden"
Diese Voranstellung bei manchen Romanen, deren deutlicher Bezug zur Realität unübersehbar ist, wegen mangelnder Beweisfähigkeit aber sicherheitshalber in die Aura der Fiktion gerückt wird, könnte auch auf jeder dieser Ansichten stehen.
Der Wink mit dem Zaunpfahl ist allerdings unübersehbar, wem er auch immer gelten soll. Hier helfen bisweilen die Begleittexte und Kommentare, die auf den Karten verewigt sind, weiter. Wir werden diese in einem gesonderten Abschnitt - soweit die Karten postalisch gelaufen sind und die Texte sich noch entziffern lassen - genauer betrachten.
Unzweifelhaft ist ein relatives Verständnis erkennbar, das dem Betrachter für außer Kontrolle geratene (männliche) Trinker abverlangt wird und das die Folgen des Missbrauchs als bloße temporäre Erscheinungen interpretiert. Dieser Botschaft werden wir bei zahlreichen Motiven unserer Postkartensammlung immer wieder begegnen.
Schadenfreude ist die beste Freude
Ein spezifisch menschliches Gefühl das durch diese Art der Postkarten berührt wird, sollte hier allerdings nicht unerwähnt bleiben. Es handelt sich dabei um eine Empfindung die eher in den niederen Regionen menschlicher Emotionen angesiedelt ist und der man sich nicht gerne rühmt. Gleichwohl funktioniert sie als erfolgreiche Methode sich von unliebsamen Erscheinungen zu distanzieren: die Schadenfreude.
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Doch egal welche Absichten oder Assoziationen die Postkartenproduzenten damals beabsichtigten oder heute verfolgen, primär ging und geht es ihnen um den bestmöglichen Absatz ihres Produktes. Damit unterscheiden sich die Ansichtskarten nicht substantiell von Werbemaßnahmen der Alkoholbranche. Anzeigen in Zeitungen, im Kino oder Fernsehen sollen den Verkauf einer spezifischen Getränkemarke ankurbeln und den Absatz des Alkoholkonsums insgesamt fördern. |
Dazu bedarf es der positiven Identifikation der potentiellen Kunden mit dem Produkt und seinem Grundstoff. Darstellung von außer Kontrolle geratenen Säufern, permanent Berauschter, die ihre Umwelt nicht mehr begreifen und beziehungsgestörter Alkoholiker sind dafür nicht geeignet. Ansichtskarten dagegen können auch die unzähligen Ausfallerscheinungen alkoholischen Missbrauchsverhaltens dokumentieren; wenn sie dem Betrachter nur das Gefühl geben, die anderen, nicht sie selbst, seien die Versager. Oder das Motiv auf der Karte erscheint so überzogen, dass jeder Gedanke an einen Vergleich mit dem eigenen Trinkverhalten geradezu grotesk anmutet.
Dieser komische Wink mit dem Zaunpfahl, diese doppelten Botschaften, diese eindeutigen Zweideutigkeiten, die klare Unklarheit, wer oder was mit der Abbildung denn eigentlich gemeint sei, ist der Trick mit dem sich offenbar prima Geschäfte machen lassen.
So wurden neben den typischen Landschafts- und Stadtansichten die Karten z.b. mit künstlerisch wertvollen, humorvollen, witzigen oder zweideutigen Motiven ausgestattet, um das Kaufinteresse potentieller Kunden anzuregen. Versucht man eine systematische Einteilung der Karten vorzunehmen, so sind Motive und thematische Schwerpunkte wegen ihrer Vielzahl und Unübersichtlichkeit für unsere Betrachtung wenig sinnvoll. Gleichwohl werden solche Einteilungen von Sammlern und professionellen Postkartenanbietern gerne angewendet, da dieses Verfahren ein Höchstmaß an Differenzierung der Karten ermöglicht.
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Die Postkarte - Botschaften in Bildern
Für eine Annäherung an die (Verkaufs-)Motive der Hersteller und die Absichten der Käufer, sind diese Unterscheidungsmerkmale unbrauchbar. Um etwas über die Vorlieben von Menschen zu erfahren, warum sie ganz bestimmte Motive kaufen und versenden, eignen sich andere Kategorien besser. Motive für Kauf- und Versand sind fast immer ein besonderes Mitteilungs- und Informationsbedürfnis. Die typische Urlaubspostkarte steht dabei als Synonym für das Verlassen der Normalität, der Alltagsroutine, der Arbeitsfron und symbolisiert Abwechslung, Ausnahme und Außergewöhnlichkeit. Gleichzeitig soll mit der Auswahl des Motivs Einfallsreichtum und Originalität unter Beweis gestellt werden. Diesen Botschaften folgt die überwiegende Masse der Ansichtskarten.
Fünf Gruppen möchten wir in diesem Zusammenhang unterscheiden:
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Informationskarten |
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Ulkkarten |
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Ulkkarten |
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Botschaftskarten |
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Botschaftskarten |
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Zusätzlich zu den ein- oder doppeldeutigen vorgegebenen Ansichten der Karten, kombinierten die Absender die vorhandenen Motive mit eigenen, mehr oder weniger originellen Botschaften oder greifen gleich auf vorgefertigte Text-Bild-Kombinationen zurück.
Mit dem boomenden Angebot dieser Karten kommen ihre Hersteller den aktuellen Bestrebungen nach persönlichem Marketing, Bedürfnissen nach Einmaligkeit und Auffälligkeit um jeden Preis nach und bedienen einen grassierenden Mangel von Originalität und Ideen bei den Absender. Fastfood im Kommunikations- und Mitteilungswesen: E-Mails und SMS statt Briefen, Vordrucke statt Selbstverfasstem.
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Einiges über die Geschichte der Postkarte
Fast jeder hat schon einmal Postkarten verschickt um Kollegen, Freunden, Verwandten oder wem auch immer, auf mehr oder weniger originelle Weise, Mitteilungen zu machen, seine Meinung zu dokumentieren oder Kontakte zu pflegen. Selbst im Zeitalter der elektronischen Post erfreut sich dieses vielseitige Kommunikationsmedium immer noch großer Beliebtheit.
Auch wenn die Urlaubsgrüße zuweilen von Meldungen platter Befindlichkeiten und profanen Menubeschreibungen nur so strotzen, muss wenigstens kein Empfänger die Ansichtskarte als heimlichen Virenträger, Hackerangriff und Passwortknacker fürchten. Und wer zweideutige Bild- und Wortbotschaften auf die Reise schickt, offenbart unfreiwillig tiefere Einsichten in seine Absenderpsyche, als die Ansichten der Karten auf den ersten Blick scheinen lassen (von solchen doppelten Botschaften wird im Weiteren noch öfter die Rede sein). Schließlich ist der Empfänger doch erfreut, dass seiner gedacht worden ist.
Das war allerdings keineswegs immer so. Bis 1840 nämlich mussten die Empfänger von Postsendungen auch noch für den Erhalt derselben bezahlen. Dieses seltsame Verfahren ließ in England einem gewissen Sir Rowland Hill keine Ruhe. Er wusste genau, warum er 1840 eine Reform der Postgebühren einleitete: "Schon frühzeitig wurden mir die schrecklichen Nachteile der Armut bewusst, meine Mutter hatte ständig Angst, der Briefträger könnte eine Sendung bringen und sie hätte nicht genügend Geld, die Gebühren zu bezahlen."
So erschienen am 1. Mai 1840 Briefumschläge, bei deren Verkaufspreis das Porto inbegriffen war und die vorderseitig mit einem Bild der Brittania und einem geflügelten Boten geschmückt waren. Diese dekorativen Briefumschläge waren die eigentlichen Vorläufer der heutigen Ansichtskarten.
Die erste "echte Postkarte" wurde am 1. Oktober 1869 im damaligen Österreich-Ungarn herausgegeben. Die Idee dazu hatte Dr. Heinrich von Stephan, der spätere Gründervater des Weltpostvereins; er wollte den Postkunden ein festes Formular in Briefgröße anbieten, das direkt beschriftet und ohne Umschlag verschickt werden konnte. Allerdings brauchte seine Idee noch einige Zeit ehe sich die Postkarte auch in Deutschland zu einem beliebten Kommunikationsmittel entwickelte. Die grenzpolitische Kleinstaaterei und die Befürchtung, dass unbefugte Personen die offen versandten Postkarten lesen würden und von dem Inhalt unberechtigt Gebrauch machen würden, hemmten anfänglich ihre Ausbreitung.
Doch die Möglichkeit mit geringem intellektuellen Aufwand, Mitteilungen zu verschicken oder schließlich ganz allein ein Bild für sich sprechen zu lassen, verhalf dem neuen Medium zu einem Massenphänomen. Dazu trug auch die technische Gestaltung und Materialvielfalt der Karten bei, die sich mit Relief- oder Transparentprägung, Goldtiefdruck und der Verwendung von Stoffen wie Sand, Seide oder Plüsch zu einem ästhetischen Gesamtkunstwerk entfalteten.
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Die Ansichtskarte wirbt mit sich selbst und den Wünschen und Sehnsüchten ihrer Käufer. Obwohl das Medium AK, kaum dass es auf den Markt kam, ein Selbstgänger war (schon 1899 wurden in Deutschland 88 Mio. AK produziert), zeigt diese Karte welche Wünsche und Illusionen mit ihr bedient wurden. Die Bildunterschrift „You are taking too many liberties“ also „Du nimmst Dir zu viele Freiheiten“ lässt deutlich die Anspielungen der Käufer, d.h. i. d. R. auch der Sender, auf die große weite Welt erkennen. Und die Karte ist der Beweis dafür, dass man auch dort war oder sie regt die Phantasien der Adressaten an, womöglich ihren heimlichen Neid, dass man da auch hin möchte. Dorthin wo man sich Entspannung, Unterhaltung, Konsum, eben die große Befreiung vom Alltagsstress und Arbeitseinerlei erhofft. (engl. AK ca. um 1920) |
Bis ins Jahr 1905 war die Rückseite der Karte nur der Anschrift vorbehalten. So wurden die Bilder quasi zum Medium für persönliche Botschaften, Meinungen und Informationen. Wem das nicht ausreichte, der quetschte in den freien Raum zwischen der Anschrift seine persönlichen Mitteilungen. Erst nach 1905 wurde eine geteilte Rückseite eingeführt, die nun auch den offiziellen Platz für private Informationen einräumte.
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Die Ansichtskarte als "Ansichtssache" des Absenders
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Kaum war die Post- bzw. Ansichtskarte auf dem Markt, schon wurde sie mit der liebsten (Freizeit-) Beschäftigung der Deutschen (vergl. auch die folgenden Abschnitte über die Geschichte des deutschen Durstes) dekoriert: dem Trinken von Alkohol und hier insb. dem Konsum von Bier. Eine der ersten Postkarten in Deutschland, die damals noch offiziell "Deutsche Reichspost Privatganzsache" hieß, hatte auf ihrer Rückseite einen Mann mit einem großen Bierkrug abgebildet.
Seitdem wurden Ansichtkarten tausendfach mit den Trinkgewohnheiten der Deutschen geziert. Auf Postkarten wurde getrunken und genossen, gesoffen und getorkelt; nichts wurde ausgelassen was den Konsum von Alkohol gleichzeitig so beliebt wie gefürchtet macht. Wer solche Karten nicht nur kauft, sondern auch noch verschickt, offenbart damit mehr über sich selbst, als ihm lieb sein kann. Wer seine Adressaten mit den Peinlichkeiten alkoholischer Trinkexzesse konfrontiert, operiert mit dem Mittel der Anspielung - ob er will oder nicht.
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Eine spezifische Abart (dieser Begriff ist durc haus im doppelten Sinne zu verstehen) der Bekenntniskarten haben wir in der Anspielung auf das christliche Glaubensbekenntnis gefunden. Anstelle des "Vater-Unser" wird dort von einem "Bier-Unser" in einer alkoholischen Eindeutigkeit gestammelt, dass sich jeder weitere Kommentar dazu erübrigt.
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Dass gerade die Verfasser solcher Motive, die Protagonisten der Abstinenzbewegung, zur Zielscheibe von Spottkarten wurden, überrascht nicht [2]. Wer die Entgleisungen Betrunkener zum Propagandafeldzug für seine Erzeugnisse benutzt und augenzwinkernd mit der enthemmenden Wirkung des Suffs kokettiert, der will sich nicht von einigen Nüchternheitsaposteln den Spaß verderben lassen. In der Politik machen sich die Kontrahenten gerne gegenseitig unglaubwürdig; die Freunde alkoholischer Exzesse veralbern die Abstinenzler als Pharisäer [3]. Dieser Konflikt zwischen Alkoholpropagandisten und Abstinenzlern findet nun schon seit fast 200 Jahren statt, als sich die ersten Alkoholgegner in Vereinen und - meist christlich orientierten - Zusammenschlüssen organisierten [4]. Die Vorliebe im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert für lyrische Erzeugnisse und einprägsame Verse veranlasste z.B. eine Bremer Abstinenzvereinigung unter dem Titel "Wer ist sein eigener Feind?" zu folgendem Gedicht: |
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In dieser Auseinandersetzung wurde und wird mit harten Bandagen gekämpft, schließlich geht es um nicht weniger als Absatzmärkte und Profit. Dafür sind auch die gegenseitige Diffamierung und Verunglimpfung probate Mittel [6] und selbst vor dem Einsatz von Kindern zur Ankurbelung des Alkoholkonsums schreckte niemand zurück .[7] Die Kampagne der heutigen Alkoholindustrie mittels Alco-Pops ihren Kundenkreis auch auf Minderjährige auszudehnen, ist die logische Fortsetzung dieser Politik. Sie demonstriert eine moderne, bedenkenlose Vermarktungs- und Werbestrategie, so früh wie möglich neue Konsumenten zu gewinnen, indem jugendliches Geschmacksniveau und der Wunsch erwachsen zu sein, skrupellos ausgenutzt werden. (Vergleich Alco-Pops, Absatz Kinder als Werbeträger der Alkoholwirtschaft.) Vor diesem Hintergrund sind Alkoholpostkarten auch immer Ausdruck einer überwiegend unbewussten Parteinahme für oder gegen den Alkoholkonsum. Je eindeutiger die Motive und Texte sind, umso klarer positioniert sich auch der Käufer oder Absender der Karten. Die überwiegende Mehrzahl der Karten ist in ihrer Zuordnung allerdings nicht eindeutig und lässt den Betrachtern einen breiten Interpretationsspielraum. Auch wenn die überzeichnete Darstellung alkoholisierter und außer Kontrolle geratener Säufer mit all ihren peinlichen und tragischen Verhaltensweisen eine unübersehbar kritische Komponente enthält. Doch statt eines mahnenden Zeigefingers droht dem Betrachter allenfalls ein ironisierender Wink mit dem Zaunpfahl, von dem man weder weiß, wie er gemeint ist, noch wem er gelten soll. Genau das macht den Reiz dieser Karten und ihre Beliebtheit bei den Käufern aus. |
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[1] - Die Guttempler sind eine 1851 in den USA entstandene protestantische Gruppierung, deren Hauptziel in der Erlangung einer alternativen, christlichen, alkohol- und drogenfreien und Lebensform besteht. Sie sind analog der Freimaurerbewegung ein straff organisierter Orden mit einem eigenen Laufbahn-, Gesetzes- und Gerichtswesen. (Hasso Spode, Die Macht der Trunkenheit, Opladen 1993, S. 219ff)
[2] - So heißt es in einem Hamburger Spottvers wider die Abstinenzler:
"Beer gifft Slag und Wien gifft Gicht,
Branntwien Kopper in`t Gesicht,
Dat wat de Minsch noch drinken kann,
Is Boddermelk, de nährt den Mann."
Frei übersetzt: Wer Bier trinkt, den trifft der Schlag, vom Wein kriegt man Gicht, Branntwein treibt einem Kupfer ins Gesicht, Das einzige was ein Mensch noch trinken kann, ist Buttermilch, die ernährt den Mann. Zitiert in Kurt Grobecker "O Bier Du schmeckest fein" - Hundert Jahre Holstenbrauerei, Hamburg-Altona 1979
[3] - u.a. auch bekannt als hochprozentiger Kaffee dessen Alkoholgehalt durch die schwarze Farbe und ein Sahnehäubchen getarnt wird
[4] - vergl. Abschnitt "Der Alkoholmissbrauch wird zum gesellschaftlichen Problem".
[5] - Der Feind im eigenen Lager - Ein Warnungsruf; Verlag des Tractathauses, Bremen 1873
[6] - Manche Mäßigkeitsvereine sahen sich massiver Bedrohung ausgesetzt. So kam es z.B. im Januar 1841 zu einem regelrechten Tumult: - Der Versammlungsort des Vereins gegen das Branntweintrinken wurde von einem "besoffenen Pöbelhaufen" gestürmt und zum "Schauplatz eines wilden Bacchanals" gemacht. Nachdem das Mobiliar auf die Straße und von dort in den Fleet geflogen war, zog man vor die Wohnungen der Vorstandsmitglieder und wütete mit "vandalischer Rohheit" in den Straßen. (Hasso Spode, a.a.O., S. 187)
[7] - vergl. Abschnitt „Kinder als alkoholische Werbeträger“
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Warum sind Alkohol und Saufgelage so beliebte Postkartenmotive in Deutschland?
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"Mach dich nicht selber hilflos durch Trinken in der Kneipe, damit sich die Worte deiner Rede nicht wiederholen und aus deinem Mund hervorquellen, ohne dass du weißt, dass du sie geäußert hast. Du fällst hin, brichst dir die Knochen und keiner deiner Saufkumpane gibt dir die Hand, um dir zu helfen. Sie werden aufstehen und sagen: `Raus mit dir du Trunkenbold!`" So warnten schon vor ca. 3500 Jahren die Ägypter mit ihren bildhaften Hieroglyphen vor den Folgen des alkoholischen Rausches. Seit Menschen den Alkohol und seine Rauschwirkungen schätzen und seine unkontrollierbaren Seiten fürchten gelernt haben, bildeten sie sich und ihre Erfahrungen mit dem Trinken ab. Bildliche Darstellungen über den Alkohol und seine berauschenden Wirkungen gibt es also schon sehr lange. Die Griechen (sofern sie nicht gerade Spartaner waren) und Römer - allen Sinnesfreuden ohnehin uneingeschränkt zugetan - hatten sich mit Dionysos, resp. Bacchus eigens ihre offiziellen Götter des Weines und des Rausches geschaffen, denen sie gerne und ausgiebig huldigten. Abbildungen und Inschriften auf Vasen, Krügen und Grabbeigaben zeugen von ihren ausschweifenden Trinkgewohnheiten und Rauscherlebnisse. |
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